Was ist Hass-Propaganda?

Was ist Hass-Propaganda?

Propaganda ist der Versuch, durch manipulative Methoden die Öffentlichkeit zu beeinflussen. Hass-Propaganda ist eine Verstärkung, sie zielt darauf ab, gegen Menschen anderer Kultur, Religion, Herkunft, sexueller Orientierung, gegen andere Länder oder gegen eine andere Volksgruppe Gefühle der Wut, des Zorns und des Hasses zu erzeugen.

Hass-Propaganda zu erkennen ist nicht immer einfach. Was für den einen Propaganda, ist für den anderen die „wahre“ Sichtweise. Aber doch gibt es bestimmte Unterscheidungsmerkmale zwischen handwerklich journalistischer Darstellung und Propaganda. Demagogen und Hetzern stehen eine große Bandbreite an Stilen und Techniken zur Verfügung.

Welche Ziele hat Hass-Propaganda?

  1. Aufmerksamkeit gewinnen
  2. Interesse wecken
  3. Begehren erzeugen
  4. zum Handeln verleiten

 

Wie versucht Hass-Propaganda zu beeinflussen?

  1. übertreiben, dramatisieren
  2. starke Gefühle hervorrufen (Furcht, Wut, Abscheu oder Sympathie, Mitgefühl, Mitleid erzeugen).
  3. anführen falscher oder unbelegter (gar unbelegbarer) Behauptungen
  4. einseitig argumentieren
  5. vereinfachen (etwa in Form von Schwarz-Weiß-, also Gut-Böse- oder Täter-Opfer-Zeichnung eines Konflikts)
  6. mit Vorurteilen arbeiten
  7. Widersprüche der eigenen Position verschweigen oder verharmlosen
  8. sich selbst als im Alleinbesitz der Wahrheit, dem Wissen um die Lösung des Problems und als unbestechlicher Vorstreiter für die „gerechte“ Sache präsentieren
  9. andere Quellen (Medienberichte, wissenschaftliche Studien) oder Gewährspersonen (z.B. Politiker) zur Bestätigung der eigenen Sicht heranziehen, dabei aber Inhalte und Äußerungen aus dem Zusammenhang reißen, falsch oder missverständlich auslegen
  10. Verunglimpfen von Gegnern und Andersdenkenden

 

Was sind typische Stilmittel von Hass-Propaganda?

  1. Pathos: Appelliert wird an das Gefühl der Erhabenheit, der Ernst- und Bedeutungshaftigkeit, der Tragik, aber auch des Heroismus. Thematisierte Zustände und Geschehnisse sowie dargestellte Handlungen (z.B. öffentliche Auftritte, aber auch Gewalttaten) werden in Kommentierungen (Wort, Text, Bild), mittels bombastischer, sentimentaler oder dramatischer Musikuntermalung, „epischer“ Titelschriftzüge, dem Einsatz von Zeitlupe, dem fokussierten Ausstellen von Zeichen und Symbolen (z.B. Nationalfarben und -flaggen) und der Dämonisierung der „Feinde“ große historische oder religiöse (auch „katastrophale“, z.B. hinsichtlich des Leidens von Volksgruppen) Signifikanz zu bemessen. Hoch emotional angelegt zielen Videos im pathetischen Modus auf eine tiefe Rührung, getragene Stimmung, Euphorisierung, gerechten Zorn oder stilles, profundes Mitgefühl, damit das Gefühl, Teil oder zumindest Zeuge von etwas „Großem“ zu sein (oder sein zu können).
  2. Ironie und Sarkasmus: ironische/sarkastische Videos oder Bilder setzen auf das Spiel mit weitverbreiteten ideologischen, alltagsbezogenen oder genre-typischen Darstellungs- und Erzählmustern und -inhalten. Oft pop- und jugendkulturell orientiert werden Videospiele oder Cartoon- u. Comicfiguren aufgegriffen, angeeignet und missbräuchlich umgedeutet, es kommen bekannte Musikthemen aus Hollywoodfilmen „zitierend“ zum Einsatz. Gegner – etwa Politiker – und/oder Opfer von Gewalttaten werden verunglimpft und verhöhnt, oft unter Einsatz von Fremdmaterial wie Nachrichtenbildern, aber auch von Karikaturen. Argumente und Anwürfe gegen die eigene Position werden verlacht und verspottet. Vorherrschend ist ein bissiger Unernst (gegenüber dem „verbohrten“, „spaßfeindlichen“ Anderen), die transportierte Stimmung und Haltung ist locker und entspannt, womit Gewitztheit und Intelligenz, eine gewisse Souveränität sowie Immunität gegenüber Kritik demonstriert und Attraktionspotenziel geschaffen werden soll.
  3. Schein-Sachlichkeit: sachlich-argumentative Videos sollen scheinbar rational „überzeugen“ und die Weltsicht „neutral“ belegen. Sie greifen dafür zurück auf die den eigenen Bedürfnissen angepassten Standards entsprechender TV-Nachrichtensendungen, Dokumentarfilme, Reportagen, Bildungsprogramme, inklusive „Bauchbinden“ und anderer Arten der Einblendung. Im informativ-aufklärerischen Gewand – wenn auch häufig im Verbund mit pathetischen Stilmitteln – und in zurückgenommenem, unaufgeregtem aber ernstem Duktus (etwa in Off-Kommentaren) kommen Statistikdiagramme, Landkarten und andere veranschaulichende, gleichwohl attraktiv aufgemachte Grafiken und Animationen zum Einsatz, ebenso Textauszüge ideologischer Schriften oder Gewährspersonen für die eigene Sache (eigen- oder fremdproduziertes Material). Bilder haben oft illustrative Funktion. Weitere Format-Möglichkeiten sind ausführliche inszenierte und selbstinszenierende „Interviews“ mit Autoritätsfiguren als wegweisende Vordenker, aber auch – erzwungene – (selbst-)kritische Aussagen von Verschleppten und Gefangenen.
  4. Erlebnishafte Ästhetik: weniger verbreitet, aber immer mehr vorzufinden sind Videos, die primär oder sogar fast ausschließlich auf eine – im weiteren Sinne – ästhetische Erfahrung setzen, dies vor allem in einer stilistischen Form, die an Musikvideos erinnert. Unterlegt mit Musik oder Songs dienen u.a. ein vorwiegend schneller Schnittrhythmus, „faszinierende“ Bilder(folgen), ihre Montage und Komposition, Animationen, diverse Grafikelemente und -effekte dem sinnlichen Erleben und affektiven Reiz. Diffamierende oder verhetzende Botschaften „verstecken“ sich in Liedtexten, sind reduziert zu kurzen schriftsprachlichen Slogans oder fügen sich ein auf der ikonografischen Ebene, etwa als Abbildungen von Erkennungszeichen von Gruppierungen und Organisationen – das Ganze bisweilen in Opfer und Täter von Gewalttaten diffamierender bzw. verherrlichender, zumindest aber verharmlosend-ästhetisierter Weise.
  5. Blut- und Gewalttaten: als eigene Kategorie können audiovisuelle Aufnahmen von Blut- und Gewalttaten wie Kampfhandlungen, Anschläge und Hinrichtungen in (Bürger-)Kriegsgebieten aufgefasst werden, aber auch von ereignishaften Veranstaltungen wie Demonstrationen, Aufführungen einschlägiger Musikgruppen, Auftritte von Demagogen und dergleichen. Weniger komplettes Propagandavideo an sich, kann solches Material, bei dem es um das Festhalten von Situationen und Momenten geht, in Propagandavideos verwendet werden. Oft sind solche Aufnahmen mit geringen technischen Mitteln entstanden, gefilmt mit kleinen Camcordern oder Mobiltelefonen. Filmgestalterische Qualität ist bestenfalls nachrangig. Handelt es sich um Gräuelvideos, verstoßen diese Aufnahmen gegen ethische Normen und sind mitunter gar jugend- bzw. strafrechtlich relevant (etwa als Darstellung grausamer oder sonstwie unmenschlicher Gewalttätigkeiten gegen Menschen gem. § 131 StGB) – ganz davon abgesehen, dass es sich um Dokumentationen schlimmster (etwa Kriegs-)Verbrechen handelt. Von rein „notierenden“ Videos des simplen Mitfilmens sind terroristische Videos wie vor allem Enthauptungsvideos insofern zu unterscheiden, als in letzteren menschenverachtende Untaten extra für die Kamera und auf diese hin inszeniert sind.

 

Was wird wie in Hass-Propaganda typischerweise eingesetzt?

  1. Eindringliche oder drastische Abbildungen: Um starke negative Emotionen wie Furcht, Ekel, Wut und Hass zu erzeugen oder gar um zu schockieren, werden u.a. eigene oder fremde Aufnahmen von weinenden Kindern, verzweifelten Müttern und Vätern, von Not und Elend (Flüchtlingslager, verwahrlosten Unterkünfte, Hungernde), gar von Folter- und Kriegsopfern, Blut, Leichen und Leichenteilen in ein- bis aufdringlicher Weise (Groß- und Detaileinstellungen) präsentiert. Ebenfalls ist aber auch der Einsatz solcher Bilder, um die Opfer zu verhöhnen, zu finden.
  2. Symbole und Zeichen: abgefilmte Hakenkreuze, Nationalfarben, Flaggen und Symbole einschlägig bekannter, teils verbotener Gruppierungen werden nicht-kritisch verwendet, sondern positiv, als legitime Kenzeichnungen oder wie selbstverständliche Markierungen einer (Gruppen-)Identität, genutzt. Im weiteren Sinne fassen Logos, Signets oder „Markenzeichen“ das Video ein, insofern etwa Wort-Bild-Zeichen vorangestellt oder innerhalb des Videos (oft in der linken oder rechten oberen Ecke des Bildes) seine Herkunft im Sinne eines „Produzenten“ oder eines „Studios“ (Medienabteilung einer Gruppierung) ausweisen. Erweckt werden soll so der Anschein von Seriosität und des Offiziellen durch Behauptung einer etablierten konsistenten „Medienmarke“ oder Autorenschaft, unter deren „Dach“ die einzelnen Inhalte zueinander in Bezug gesetzt sind.
  3. Musik und Lieder: Musikalische Untermalung oder Gesänge bedingen bzw. unterstützen stark die Stimmung und damit Wirkung, die von Bildfolgen ausgeht. Propagandavideos nutzen dies, um etwa mit atonalen Tonfolgen ein Gefühl der Verunsicherung zu erzeugen, über dramatische Musik mit drängenden Rhythmen die Dynamik von Szenen und ihrer „Action“ zu erhöhen oder mit langsamen „klagenden“ Melodien die Tragik von Aufnahmen zu unterstreichen. Liedtexte beinhalten ideologische Aussagen oder Färbungen, bisweilen werden bereits bestehende Hymnen und einschlägige Balladen aufgegriffen und eingebaut. Durch die Auswahl der Lieder wie der musikalischer Traditionen und dem Einsatz kulturtypischer Instrumente kann darüber hinaus kulturelle Zugehörigkeit suggeriert werden.
  4. Sprache: Die jeweilige Sprache (etwa Deutsch oder Englisch) kennzeichnet (gesprochen ebenso wie in Texteinblendungen), an wen sich das Video primär richtet, wobei lokale oder regionale Konflikte samt Thesen und Sichtweisen der Propagandisten auch einem fernen, ausländischem Zielpublikum nahegebracht werden sollen. Politideologische, religiös-verbrämte, aber auch jugendsprachliche Vokabeln, Formulierungen und Wendungen zielen ebenso wie lokale und regionale Dialekte und andere Sprachfärbungen (Akzente) auf ein je spezifisches Publikum, adressieren bestimmte Gruppen und eine bestimmte Haltung und Verbundenheit (bzw. bringen diese zum Ausdruck).
  5. Stimme: Die Stimme der Sprechenden (sei als Off-Stimme, die über die Bilder gelegt wird, sei es die eines im Bild präsenten, die Zuschauer direkt Adressierenden) transportiert u.a. über Klang und Modulation Zusatzbedeutungen und bindet entsprechend unterschiedlich an das Gezeigte und den Sprechenden. Sie kann (ggf. im Zusammenspiel mit Mimik und Gestik) z.B. sachlich-besonnen, wütend-erregt, ironisch-höhnisch oder drängend-verzweifelt sein, damit Emotionen bei den sich einfühlenden Zuschauern hervorrufen, u.a. Sympathien oder Mitleid wecken und so dazu verleiten, auch fragwürdige Vorstellungen und Bewertungen wie von den Propagandisten beabsichtigt zu übernehmen.


Wie werden Menschen in Hass-Propaganda dargestellt?

  1. Stereotype: Es werden rassistische, religiöse oder nationalistische Vorstellungen und Vorurteile bedient, Personen sind maßgeblich reduziert auf ihre Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Bildmaterial oder Inszenierungsweisen werden gewählt, die stereotype äußere Merkmale oder Verhaltensweisen herausstellen oder übertreiben.
  2. Entmenschlichung: Im Extremfall werden Personen und Personengruppen das Menschsein abgesprochen; sie z.B. in Wort oder Bild (etwa über Assoziationen in der Montage oder mit verhetzenden Karikaturen) herabwürdigend mit Tieren oder Krankheitserregern verglichen oder gleichgesetzt. Umgekehrt können einzelne oder mehrere Vertreter der eigenen Seite oder Heldenfiguren sinnbildlich z.B. als edle Tiere mit den entsprechenden Attributen dargestellt sein (z.B. als mutiger und stolzer Löwe).
  3. Entindividualisierung: Meist in Einklang mit Stereotypisierungen werden statt einzelnen Personen Personengruppen als homogene Masse oder Menge präsentiert, dabei individuelle Eigenschaften und Unterschiede zugunsten einer abwertend-distanzierten Inszenierung einer negativ-konnotierten Einheit möglichst verwischt oder ignoriert.
  4. Personalisierung: Einzelne zeitgeschichtliche Persönlichkeiten werden in negativer Weise als Stellvertreter für eine politische Linie oder ein ganzes Volk dargestellt. Die Komplexität und Widersprüchlichkeit von Konflikten und Krisen mit ihrer Vielzahl von Entscheidern reduziert sich so auf einzelne Menschen. Umgekehrt werden die menschlichen Opfer der „Feinde“ und von Missständen möglichst eindringlich anhand ausgewählter Einzelpersonen abgebildet (bis hin zu Groß- und Detailaufnahmen von verstümmelten Kleinkindleichen in Kriegsgebieten). Eine weitere Möglichkeit sind exemplarische Helden und Märtyrer mit ihren „Geschichten“, die idealisiert als Vorbild und zur Motivation und Inspiration Gleichgesinnter dienen sollen, sowie Darstellung von teils kultisch verehrten Ideologen als Galionsfiguren, unbestrittene geistige und politische Führer, Vorreiter und Garanten für die Richtigkeit der Weltsicht und Auslegung der Situation.
  5. Uniformierung: Bei einer positiv-bewerteten Entindividualisierung werden Mitglieder der Eigengruppe als geschlossene Einheit präsentiert, definiert durch ihre entschlossene Hingabe an die jeweilige „Sache“. Gemeinschaftliches Auftreten in puncto Kleidung (bis hin zu einer regelrechten „Uniform“ oder typischen Arten der Vermummung) oder Haartracht sind dann Ausdruck eines Lebensstils und der Zusammengehörigkeit innerhalb eines Kollektivs, bieten Identitäts- und Abgrenzungsmöglichkeiten.
  6. Rollenzuschreibungen: Einzelne oder Gruppen bekommen einen eindeutigen und undifferenzierten Platz innerhalb der „Erzählung“ von Miseren, Konflikten und Krisen inklusive moralische Bewertungsvorgaben zugewiesen (siehe Punkt „Beeinflussen und Erzählen“). Insbesondere sind die Schuldigen (etwa im Sinne des Aggressors), aber auch die Opfer klar benannt und strikt getrennt einander gegenüber- und entgegengestellt.
  7. populäre „Stars“ und Figuren: reale Berühmtheiten wie Schauspieler, Musiker oder Sportler, aber auch fiktionale Charaktere (Computerspiel- und Spielfilmhelden, Comic- und Cartoon-Figuren) werden unter Ausnutzung ihrer Bekanntheit und der entgegengebrachten Sympathien ggf. mittels Umdeutung und Umwertung instrumentalisiert.

 

Literaturhinweise

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Joost, Gesche (2008): Bild-Sprache. Die audio-visuelle Rhetorik des Films. Bielefeld: Transcript.
Kanzog, Klaus (2001): Grundkurs Filmrhetorik. München: Diskurs Film Verlag.
Keutzer, Oliver / Lauritz, Sebastian / Mehlinger, Claudia, / Moormann, Peter (2014): Filmanalyse. Wiesbaden: Springer VS.
Kuhn, Markus (2011): Filmnarratologie. Ein erzähltheoretisches Analysemodell. Berlin / New York, NY: De Gruyter.
Schweinitz, Jörg (2006): Film und Stereotyp. Eine Herausforderung für das Kino und die Filmtheorie. Berlin: Akademie Verlag.
Wuss, Peter (1999): Filmanalyse und Psychologie. Strukturen des Films im Wahrnehmungsprozeß. 2. Aufl. Berlin: Edition Sigma.
Schumacher, Julia / Stuhlmann, Andreas (Hg.): Hamburger Hefte zur Medienkultur 12: Videoportale: Broadcast Yourself? Versprechen und Enttäuschung. Universität Hamburg. Online unter: http://www.slm.uni-hamburg.de/imk/HamburgerHefte/HH12_Videoportale.pdf