Beispiel: „Ukrainian Army in ATO. Warriors of the World“

Aufgerufen: 18.12.2014

Im folgenden Beispiel handelt es sich um Kriegs-Propaganda im Ukraine-Konflikt. Das Beispiel heroisiert den Kampf ukrainischer Militäreinheiten im Kampf gegen die Separatisten.

1. Screenshots

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2. Wo wurde der Content verbreitet?

Auf youtube unter: https://www.youtube.com/watch?v=XYZ*
Auf dieser Seite (russisch/ukrainisch): http://vkXYZ und auf der gleichen Plattform hier: http://vkXYZ
Aber u.a. auch auf: http://www.staXYZ, dort: http://www.freXYZ und hier (türkischsprachige Webseite): http://www.muzXYZ

3. Inhaltsbeschreibung

Zu dem auf Englisch gesungenen Heavy-Metal-Rocksong „Warriors of the World“ sehen wir Found-Footage-Material (bewegtes Bild und Fotos) von Soldaten der ukrainischen Armee, die kämpfen, marschieren, die eine Person festnehmen. Panzer fahren auf, wir sehen viel Kampftechnik, die Stärke demonstrieren soll. Immer wieder im Bild: die ukrainische und andere regionale Flaggen. Die Soldaten sind größtenteils vermummt und wirken martialisch. Das Video kommt ohne weiteren Kommentar oder Dialog aus.

4. Welche Emotion wird ausgelöst?

In erster Linie patriotischer Nationalstolz, der aber zu dem Gefühl, den/die Gegner vernichten zu wollen, hingelenkt wird. Wir sehen Bilder einer offenbar kampfstarken Armee, viele Panzer und Gewehre, martialisch vermummte oder entschlossen wirkende Soldaten. Die kämpferisch-kraftvolle Musik, der Songtext und die Bilder vermitteln dem Zuschauer das Gefühl von Einheit, Macht, Stärke und Überlegenheit – und das Gefühl: gegen diese Armee hat niemand eine Chance.

5. Dominierendes Kommunikationselement

Das Video ergänzt perfekt die Aufnahmen von Soldaten, Spezialeinheiten, Milizionären und Kriegstechnik, die meist aus Nachrichtenberichten stammen, und den Heavy-Metal-Song mit seinem kriegerischen Text. Beides zusammen betont sowohl die Überlegenheit, als auch den Kampfgeist der Soldaten. Der Song „Warriors of the World“ stammt vom gleichnamigen, 2009 erschienenen, Album der amerikanischen Gruppe „Manowar“. (In Deutschland war der Song auf Platz 16 der Single-Charts.)

Die im Video verwendeten Lyrics lauten:

Here I see you stand from all around the world
Waiting in a line to hear the battle cry
All are gathered here, victory is near
The sound will fill the hall, bringing power to us all

We alone are fighting for metal that is true
We own the right to live the fight, we’re here for all of you
Now swear the blood upon your steel will never dry
Stand and fight together beneath the battle sky

Brothers everywhere – raise your hands into the air
We’re warriors, warriors of the world
Like thunder from the sky – sworn to fight and die
We’re warriors, warriors of the world

Many stand against us, but they will never win
We said we would return and here we are again
To bring them all destruction, suffering and pain
We are the hammer of the gods, we are thunder, wind and rain.

There they wait in fear with swords in feeble hands
With dreams to be a king, first one should be a man
I call about and charge them all with a life that is a lie
And in their final hour they shall confess before they die

If I should fall in battle, my brothers who fight by my side
Gather my horse and weapons, tell my family how I died
Until then I will be strong, I will fight for all that is real
All who stand in my way will die by steel

Brothers everywhere – raise your hands into the air
We’re warriors, warriors of the world

6. Zweck/Ziel des Films

Der Zweck des Videos liegt darin, die Einheit und Stärke der ukrainischen Armee zu beschwören. Es wird dem Zuschauer vermittelt, dass jeder einzelne Soldat bereit ist, für ihn zu sterben, um den Sieg der Ukraine zu erkämpfen. Beim Zuschauer soll sich eine Gefühlsmischung aus Überwältigung, angesichts der Stärke und Dankbarkeit und aufgrund der heroischen Opferbereitschaft einstellen.

7. Detailanalyse

0:01
Amateur- oder Nachrichtenaufnahme: ein Soldat, mit dem Rücken zu uns, steht erhöht und blickt auf eine Landschaft oder eine Stadt (nicht genau zu erkennen) hinunter, das Gewehr bereit. Der erste Eindruck ist gleich: er hat alles im Griff.

0:02 – 0:30
Soldaten oder Milizionäre, immer mit Gewehren, stehen Wache, fahren auf Transportern, üben den Nahkampf, posieren für eine Kamera. Sie sind meist vermummt. Dazwischen die Aufnahme eines brennenden Militärfahrzeugs, viel Rauch, ein Flugzeug in den ukrainischen Nationalfarben blau-gelb steigt auf. Das Bild eines abgeschossenen Jagdfliegers, der vom Himmel fällt. Es bleiben folgende Zeilen des Songs im Ohr: „Waiting in a line, to hear the battle cry“ und „All are gathered here, victory is near / The sound will fill the hall, bringing power to us all“.

0:31 – 1:12
Soldaten nehmen einen Gefangenen. Soldaten marschieren mit Gewehren, nehmen ein Ziel mit dem Gewehr ins Auge. Aus den Übungen werden jetzt Kämpfe. Ein Soldat geht durch vollen Rauch, überall liegen brennende Wrackteile herum, Sandsäcke dienen als Barrikade. Aus dem Off erklingt: „We own the right to live the fight, we’re here for all of you“, und „Brothers everywhere – raise your hands into the air / We’re warriors, warriors of the world“.

1:17 – 2:00
Soldaten (oder vermummte Polizisten) tragen einen Verwundeten. Aus dem Off der Song: „Many stand against us“. Es werden weitere Bilder gezeigt: von Panzern mit Soldaten, Nahaufnahmen von Soldaten, die im Gras liegen und mit dem Gewehr zielen. Mit dem Songtext aus dem Off bleibt das Gefühl hängen, dass diese Soldaten sich nicht ergeben werden: „We are the hammer of the gods, we are thunder, wind and rain.“

2:02 – 2:35
Der Song wechselt seinen Rhythmus und wird melodisch – passend zu dem Text „If I should fall in battle, my brothers who fight by my side / Gather my horse and weapons, tell my family how I died / Until then I will be strong, I will fight for all that is real /All who stand in my way will die by steel“ werden ruhigere Bilder gezeigt, halbnahe und nahe Aufnahmen von Soldaten. Jetzt stehen die einzelnen Soldaten im Mittelpunkt, die ihr Leben geben würden.

2:35 – 2:59
Der Song wechselt wieder zum kämpferischen Modus. Auf der Bildebene sehen wir weiter Panzer, Soldaten in ihren Stellungen.

8. Glaubwürdigkeit und technische Umsetzung

Das Video besteht aus Aufnahmen, die vorwiegend aus Nachrichtensendungen stammen. Dazwischen gibt es Fotoaufnahmen, ohne Kennzeichnung. Manche Filmaufnahmen wirken auch wie Amateuraufnahmen, von Soldaten eventuell selbst gedreht. Die Videoqualität ist eher niedrig, da das Material von youtube (oder anderen Quellen) heruntergeladen und neu geschnitten wurde. Die Montage des Videos lässt auf jemanden schließen, der Grundkenntnisse eines Videoschnittprogramms hat. Der Song von „Manowar“ wurde als Tonspur daruntergelegt. Der Videoschnitt orientiert sich am Song, trifft den Rhythmus des Songs aber nicht immer.

9. Vermutliche Quellen des Materials

Die Aufnahmen stammen größtenteils von offiziellen Nachrichtensendungen. Oft ist das Logo der Nachrichtensender eingeblendet. Das Material ist eventuell mit Amateuraufnahmen gemischt (nicht nachvollziehbar). Das Video ist offenbar eine private Produktion von „Warriors of the Light“. Der Song stammt vom Album „Warriors of the World“ der amerikanischen Heavy-Metal-Gruppe „Manowar“.

10. Urheber/Resonanz

Eingestellt bei youtube am 9.6.2014, 87.687 Aufrufe und 272 Kommentare. User, der es hochgeladen und vermutlich auch produziert hat: „WaXYZ“. Er hat 2003 Abonnenten. Seine Videos umfassen v.a. Videos über den ukrainisch-russischen Konflikt, alle pro Ukraine. Sehr viele Videos über die ukrainische Armee, über Soldaten. Die meisten sind allerdings auf ukrainisch und russisch.
Auf Facebook gibt es eine gleichnamige öffentliche Gruppe „WaXYZ“, die v.a. patriotische pro-ukrainische Fotos, Videos und Nachrichten posten; ebenso eine geschlossene Gruppe desselben Namens.

Das Video „Ukrainian Army in ATO. Warriors of the World“ wurde nicht nur von ukrainischen und russischen Usern kommentiert (pro und contra), sondern auch von Usern aus Georgien, Polen, Estland, den USA, Schweden etc. Bei den Kommentaren von letzteren handelt es sich v.a. um Glückwünsche für die ukrainische Armee („Respect to the Great Warriors!! The Victory will come to the land of Ukraine one day!!!“). Es findet seine Resonanz also auch außerhalb des ukrainisch- und russischsprachigen Raums.

Die Abkürzung „ATO“ bedeutet „Antiterroristische Operation“ (gemeint ist: Operation der ukrainischen Armee).

11. Zusammenfassung für die Veröffentlichung

Sieh zweimal hin:

Auf den ersten Blick handelt es sich um ein patriotisches Pro-Ukraine-Video, wie es unter Soldaten geteilt werden könnte. Es zeigt mutig auftretende, kämpferische Soldaten, die ihr Ziel verfolgen und die Situation im Griff haben, ohne dass man ein konkretes Ziel sieht, oder die Kampfhandlungen genauer bestimmen könnte. Wir können jedoch nie nachvollziehen, woher die Aufnahmen genau stammen, wer gegen wen kämpft, welche Einheiten wir sehen. Die Heavy-Metal-Musik unterstreicht ein Gefühl der Siegesgewissheit und der kriegerischen Stärke.

Beim näheren Hinhören wird klar, welche Botschaft der Song und das Video vermitteln. „Wir sind alle Brüder“, vereint durch den Krieg und bereit zu sterben: „Until then I will be strong, I will fight for all that is real / All who stand in my way will die by steel.“ Der Tod im Kampf wird nicht gefürchtet, sondern vorausgesehen. Dem Gegner – es ist klar, dass es sich um russische Soldaten handelt – wird der Tod angedroht.

Nur die Gemeinschaft und Einheit der ukrainischen Soldaten kann zum Sieg führen. Das Video ist einerseits der Versuch, die Überlegenheit der ukrainischen Armee zu zeigen, indem ständig Kriegstechnik und Soldaten im Bild zu sehen sind. Mit dem Pathos der Überlegenheit geht der Hass auf den Gegner einher. Die Musik ist das wichtigste Element, um das Gefühl der Überlegenheit weiterzugeben. Und andererseits schwört das Video die Zuschauer (und potentiellen Soldaten der Ukraine) auf soldatische Tapferkeit und schlussendlich den Heldentod ein. Das Leben in der Armee wird überhöht und einseitig dargestellt.

Wem nützt das? Der ukrainischen Armee, die wie jede Armee Nachwuchs braucht und vor allem die Unterstützung des „Hinterlandes“ – denn nur wenn die gesamte Bevölkerung hinter den „Antiterroristischen Operationen“ steht, wenn keine Kritik oder Widerstand gegen Kampfhandlungen aufkommen, kann sie weitermachen wie bisher.

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Autorenteam:
Daniel Bröckerhoff (Hamburg. Fernseh- und Onlinejournalist, u.a. für das NDR-Medienmagazin ZAPP), Ivette Löcker (Berlin, Dokumentarfilmerin und Rechercheurin für Film- und Medienprojekte), Iris Roell (München, Journalistin und Buchautorin, langjährige Redakteurin im Medienressort des Nachrichtenmagazin FOCUS und beim Elternmagazin FOCUS Schule), Bernd Zywietz (Mainz, Filmwissenschaftler und Mediendramaturg am Institut für Film-, Theater- und empirische Kulturwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität).