Beispiel: „Triumph der ukrainischen Demokratie“

Aufgerufen: 13.11.2014

1. Screenshots

2_Bsp-Ukraine-Triumph

2. Wo wurde der Content verbreitet?

Auf youtube (deutsche Version)unter: https://www.youtube.com/watch?v=qvKXYZ*
Die englische Version auf youtube: http://youtu.be/mbXYZ*
Die spanische Version auf youtube: http://youtu.be/8-bXYZ*
Verbreitet über google+ (von youtube-Nutzern).

3. Inhaltsbeschreibung

Ein wie ein Musik- oder Werbeclip gestaltetes Video weist die Schuld an den zivilen Opfern in der Donbass-Region der ukrainischen Regierung zu. Parallelen zu den Nationalsozialisten werden auf der sprachlichen und auf der Bildebene gezogen. Der Titel verunglimpft die Kriegshandlungen und ihre Opfer als ”Triumph der ukrainischen Demokratie”.

4. Welche Emotion wird ausgelöst?

Die Bilder von den Leichen löst Wut auf den ukrainischen Präsidenten und das Land aus, das für diese Tode verantwortlich gemacht wird. Der zynische gemeinte Titel ”Triumph der ukrainischen Demokratie” verstärkt diese Wut noch.

5. Dominierendes Kommunikationselement

Das Video ist wie ein stylisher Musik- oder Werbeclip gestaltet: schnell geschnitten, professionelle 2D-Grafiken und 3D-Computeranimationen werden mit Aufnahmen von Dokumenten und Nachrichtenbildern (bewegtes Bild und Fotos) kombiniert. Eine weibliche Sprecherstimme präsentiert vermeintliche Fakten.
Über den Nachrichtenbildern, deren Herkunft unklar ist, werden Erklärungen eingeblendet, die die Faktizität und Zugehörigkeit zu einem bestimmten Ereignis (z.B. ”Opfer des Luftangriffs. 26 Mai”) belegen sollen. Das Video ist mit dramatisch-pathetischer Musik untermalt, die auf einen einprasselt. In der deutsch eingesprochenen Fassung sind spanische Untertitel eingeblendet.

6. Zweck/Ziel des Films:

Der Zweck liegt darin, den ukrainischen Staat als Schuldigen an den Opfern im Donbass zu präsentieren. Nachrichtenbilder mit Leichen sollen das belegen und die Faktizität des Videos unterstreichen.

7. Detailanalyse

Der Titel ”Triumph der ukrainischen Demokratie” lässt den Zuschauer einen anderen Inhalt erwarten – der Zynismus des Titels offenbart sich erst im Laufe bzw. am Ende des Videos.

0:07
Petro Poroschenko wird abwertend als ”Oligarch und neuer Präsident” eingeführt. Statt seines Versprechens, Frieden und Ordnung einzuführen, ”sollen nach seiner Meinung alle Protestierenden vernichtet werden”. Die Botschaften, die wir im Ton hören, werden auch als Texttafeln im Bild eingeblendet.
Als von der ”Vernichtung der Protestierenden” gesprochen wird, wird das Foto einer Menschenmenge mit einer russischen Flagge plötzlich von einem roten Fleck – Assoziation: Blut – übermalt. Eindeutige Symbolik.

0:15
Zum Text ”Die Säuberung der Donbass-Region hat begonnen” sehen wir ”SS”-Runen grafisch eingeblendet.

0:25
Der ukrainischen Regierung wird unterstellt, die Wahlbeteiligung beim Donbass-Referendum falsch dargestellt zu haben. Im Bild sehen wir ein Dokument, teils Russisch, teils Deutsch (in der Kürze nicht zu lesen). Zwei Fotos: von Menschen, die Zettel sortieren (Wahlzettel?) und von einer Schlange (vor einem Wahllokal?).

0:31
Die Stimme sagt uns, dass Millionen Bürger am Referendum teilgenommen haben. Eingeblendet ist ein Foto einer Menschenmenge, es bleibt unklar, welche Zettel sie unterschreiben. Von links kommen rote (Blut-)Flecken ins Bild – symbolisieren also die Auslöschung dieser ”Wähler”.

0:37
Den Blutflecken folgen Nachrichten/Archivaufnahmen eines Flugzeugs am Himmel, im Ton hört man Bombardierungen. Es ist völlig unklar, was das für Aufnahmen sind, wann und wo aufgenommen. Eine Textbinde wird eingeblendet: ”Luftangriffe auf Flughafen Donezk”. Die Bilder sind nicht verifizierbar.

0:41
Wir sehen hintereinander fünf schockierende (Archiv/Nachrichten?-)Aufnahmen von Leichen oder schwer verletzten Menschen. Der Text im Bild sagt uns, dass es ”Opfer des Luftangriffs. 26 Mai” seien. Die Stimme präsentiert sie uns so: ”Alle diese Menschen werden von den Kiever Machthabern für Terroristen gehalten.”

0:50
Fotos von Poroschenko mit Merkel, EU-Politiker, Obama, die die ”Strafaktion” verharmlosen würden.

1:01
Bilder einer Frau in einer zerschossenen Wohnung, mit auf sie gerichtetem Zielfernrohr. Eine Rakete, die vom Himmel stürzt, ein Platz in einer Stadt. Wieder Leichen und Schwerverletzte. Darüber: ”2 Juni. Luhansk Luftangriff”. Stimme aus dem OFF: ”Diese Menschen sterben dafür, dass sie nicht in einem Land mit den Neonazis leben wollen.”

1:08
”Das ist der Triumph der demokratischen Ukraine.” Bild von Leichen, von rechts tauchen schwarze Flecken auf, die dann das ganze Schlussbild überziehen.

8. Glaubwürdigkeit und technische Umsetzung

Das Video stammt aus einer russischen Quelle, die sich ”Okeyam Net” nennt. Es ist professionell gedreht, mit professionell umgesetzten Computergrafiken und Animationen.
Der deutsche Text ist von der weiblichen Stimme seriös und einfühlsam vorgetragen. Die Aufnahmen von „wahren Ereignissen“ (Nachrichtenbilder) dienen dazu, die Echtheit der Botschaft zu betonen. Der schnelle Schnitt und die Musik, die an die Untermalung von Krimiserien erinnert, verstärken hingegen den manipulativen Inhalt.

9. Vermutliche Quellen des Materials:

Die Fotos und Archiv/Nachrichtenaufnahmen, die in dem Video vorkommen, stammen offenbar aus allgemein zugänglichem Material (Fotos des ukrainischen Präsidenten Poroschenko z.B.), die Computergrafiken sind von ”Okeyam Net” produziert. Der Urheber wird am Ende genannt: ”by: VK.COM/OKEYAMNET”. Die Webseite ”vk.com” (früher ”vkontakte.com”) ist ein sehr populäres soziales Netzwerk analog zu Facebook für den russischsprachigen Raum.

10. Urheber/Resonanz

Der Urheber ist ”OkXYZ”* aus Russland. Eingestellt bei youtube am 17.6.2014, 9.639 Aufrufe und 97 Kommentare, 378 Likes.
Die englische Version (eingestellt auf youtube am 8.6.2014) hat 35.052 Aufrufe, mit 285 Kommentaren, 1256 Likes.
Die spanische Version (veröffentlicht auf youtube am 21.6.2014) hat 19.887 Aufrufe, 606 Likes.

Unter der deutschen Fassung heißt es: ”Many thanks to XYZ*, for helping to create versions in German!” https://www.youtube.com/user/AlXYZ*
XYZ* (als youtube-Symbol hat er das ”Georgs-Bändchen”, eine zaristische Offiziersauszeichnung, die heute in Russland Patrioten kennzeichnet) bezeichnet sich als ”belorusofil”. Unter Kanalinfo steht seine ”mission statement”:
”Putin lebt in einer anderen Welt” – Merkel zu Obama.
Ich kenne diese Welt, denn in dieser Welt lebe ich auch.
Unsere Wahrheit und unser Anspruch auf die einzig wahre Wahrheit.
Denken Sie selbst! Entscheiden Sie selbst!”
Sein Videokanal hat 656 Abonnenten, er hat vorwiegend pro-russische Videos eingestellt.

11. Zusammenfassung für die Veröffentlichung

Sieh zweimal hin:

Auf den ersten Blick handelt es sich um die eindrücklich vorgetragene Botschaft, die ”wahren” Auswirkungen der ukrainischen Demokratie und die Schuld der ukrainischen Regierung, personifiziert im Präsidenten Poroschenko, zu erkennen. Die Kombination von angeblichen Fakten und glaubwürdig scheinendem dokumentarischen Nachrichtenmaterial macht das Video auf den ersten Blick glaubwürdig.

Auf den zweiten Blick wird klar, dass es sich um anti-ukrainische Propaganda handelt, die die ukrainische Regierung als Nationalsozialisten verunglimpft. Dazu dienen die SS-Symbolik, die Begriffe ”Säuberung”, ”vernichten” und ”Strafaktion” und die angeblichen ”Beweisfotos” von toten oder schwer verletzten Menschen. Die Herkunft der Aufnahmen ist für den Zuschauer in keinster Weise verifizierbar. Der Zuschauer kann nicht nachvollziehen, aus welchem Kontext sie stammen.

Wer dieses Video teilt, weil ihn die verstörenden Bilder der Opfer schockieren und wütend machen, lässt sich für einseitige Propaganda einspannen.

Wem nützt das? Pro-russischen Propagandisten und den Separatisten in der Ostukraine, die für den Konflikt nach einem einzigen Schuldigen suchen. Und sich so möglicherweise größere Unterstützung erhoffen.

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* Die Nutzernamen und Links wurden unkenntlich gemacht, damit keine Weiterverbreitung dieser Inhalte erfolgen kann.

Autorenteam:
Daniel Bröckerhoff (Hamburg. Fernseh- und Onlinejournalist, u.a. für das NDR-Medienmagazin ZAPP), Ivette Löcker (Berlin, Dokumentarfilmerin und Rechercheurin für Film- und Medienprojekte), Iris Roell (München, Journalistin und Buchautorin, langjährige Redakteurin im Medienressort des Nachrichtenmagazin FOCUS und beim Elternmagazin FOCUS Schule), Bernd Zywietz (Mainz, Filmwissenschaftler und Mediendramaturg am Institut für Film-, Theater- und empirische Kulturwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität).