Beispiel für politische Propaganda: „Bella Ciao – Kobani’s Women“

Ein weiteres Beispiel für Propaganda in sozialen Netzwerken haben wir hier aufbereitet. Hierbei handelt es sich um einen Grenzfall. Es ist politische Propaganda einer extremistischen Gruppe, aber verwendet keine rassischen, nationalen, religiösen oder sexuellen Vorurteile, wie die anderen Beispiele. Vielmehr handelt es sich um Propaganda einer Kriegspartei im Konflikt in Syrien.

Abgerufen am: 13.11.2014

1. Screenshots

5_Bsp-Kurdinnen

2. Wo wurde der Content verbreitet?

Über Youtube: http://www.youtube.com/watch?v=GWtNXYZ*, aber auch auf Facebook, zum Beispiel durch den “XYZ”*: https://www.facebook.com/video.php?v=6906XYZ*, und auf Twitter, zum Beispiel hier: https://twitter.com/XYZ*

3. Inhaltsbeschreibung

Der gut drei Minuten lange Film zeigt ineinander übergeblendete Fotos von kurdischen YPG-Kämpferinnen, angeblich beim Kampf um Kobane. Dazu läuft eine kurdische Version des Liedes „Bella Ciao“.

4. Welche Emotion wird ausgelöst?

Mitgefühl und Bewunderung für die schönen, mutigen Frauen. Hass auf ihre Gegner, die Kämpfer von ISIS.

5. Dominierendes Kommunikationselement

Ausdrucksstarke Fotos von jungen, schönen Frauen, oft in Nahaufnahme. Der „Film“ kommt komplett ohne Text aus, ist daher weltweit verständlich. Die Musik „Bella Ciao“ unterstreicht die Bewunderung für die Frauen.

6. Zweck/Ziel

Das Video will Unterstützer für die YPG im Kampf gegen den Islamischen Staat gewinnen. Der Feind ist ISIS. Zudem soll wohl der Kampfbeitrag der YPG gegen die von der westlichen Welt bekämpften Dschihadisten betont werden – in der Hoffnung, in Zukunft auch in anderen Fragen Unterstützung westlicher Staaten zu erhalten.

7. Detailanalyse:

Der Titel „Bella Ciao – Kobani’s Women“ ist englisch-sprachig, damit also international verständlich. Als Regisseur wird Mehrdad Arefani ausgewiesen, die Musik stammt von Chia Madani. Er hat dem italienischen Partisanenlied „Bella Ciao“ einen kurdischen Text verpasst, der laut englischer Übersetzung im Internet vor allem den kurdischen Freiheitskampf bis zum letzten Blutstropfen besingt.

Der Film reiht in Überblendungen einfach Fotos von kurdischen Kämpferinnen aneinander. Durch Heran- oder Wegzoomen versucht der „Regisseur“ Bewegung in die statischen Bilder zu bringen.

Gleich zu Anfang, aber auch im weiteren Verlauf zeigen die Frauen deutlich ihre weibliche Seite, zum Beispiel mit lackierten Fingernägeln oder Blumen im Haar. Zahlreiche Bilder zeigen die Kämpferinnen beim Hantieren mit schweren Waffen und offensichtlich im Kampfgebiet beim Schießen und in Deckung.

Drei Bilder zeigen Aufstellungen von „Kompanien“ von Kämpferinnen. Dadurch wird klar: Es sind viele Frauen, die sich am Kampf der YPG beteiligen, zum Teil auch ältere. Insgesamt dominieren aber junge, schöne Frauen die Bilder. In einer Aufnahme sind Frauen mit Waffen und Kleinkindern an der Hand zu sehen. Die Botschaft: Auch Mütter gehen in den Kampf.

Die Frauen wirken meist fröhlich, oft mit lachenden Gesichtern, keineswegs verzweifelt, aber sehr entschlossen.

8. Glaubwürdigkeit und technische Umsetzung

Sehr glaubwürdig. Die Frauen wirken wie echte Kämpferinnen durch ihr Outfit und die gezeigte Umgebung. Zudem gibt es im ganzen muslimisch-arabischen Raum in anderen Volksgruppen keine kämpfenden Frauen; insofern ist klar, dass es sich hier um Kurdinnen handeln muss.

Die technische Umsetzung ist wenig professionell. Die meisten Aufnahmen wirken wie Schnappschüsse. Das widerspricht der Zielsetzung einer Inszenierung als tapfere Soldatinnen, die bis zum letzten kämpfen, jedoch nicht.

9. Vermutliche Quellen

Die Urheber der Musik und des Videos sind zu Anfang eindeutig ausgewiesen. Woher die Fotos stammen bleibt unklar.

10. Resonanz:

Bei Youtube hat das Video 13.597 Aufrufe, es wurde 100 Mal geteilt, bekam 99 Likes und 39 Kommentare; hochgeladen wurde es am 31.10.2014. Allein auf der Facebook-Seite des Regisseurs XYZ* wurde der Film weitere 15.543 Mal angeklickt und 542 Mal geteilt.

11. Vermutliche Urheber:

Der Produzent des Films ist klar: Mehrdad XYZist ein iranisch-stämmiger Dichter und Regisseur, der im Exil in Brüssel lebt. Er arbeitet nicht hauptsächlich für die YPG, veröffentlich sonst eher Filme zu seinen Gedichten.

Hochgeladen wurde es von „XYZ“. Wer hinter diesem Namen steckt ist unklar. Er erinnert an eine hohe Kämpferin der PKK, die sich  2006 aus Protest gegen Kurdenführer Öcalans Isolationshaft selbst verbrannte. Der User hat jedenfalls 4573 Abonnenten, unterstützt laut Youtube-Seite Kampagnen zur Befreiung Öcalans und veröffentlicht seit drei Jahren ausschließlich Propaganda-Videos der PKK.

12. Zusammenfassung

Sieh zweimal hin:

Auf den ersten Blick zeigt das Video bewundernswert tapfere, schöne, junge Frauen, die gegen die in der westlichen Welt verhasste Gruppe IS kämpfen. Sie können offensichtlich souverän mit Waffen hantieren, haben sich in großer Zahl dem Kampf angeschlossen; selbst ältere Frauen und Mütter von Kleinkindern sind als Soldatinnen aktiv.

Auf den zweiten Blick wird klar: Das Video zeigt ganz bewusst nur Frauen, da ihre Beteiligung am Kampf ein Alleinstellungsmerkmal der YPG ist, das in der westlichen Welt Bewunderung und Interesse auslöst. Das ist für einen Image-Wechsel weg vom ursprünglichen Terroristen-Ruf der PKK wichtig. Natürlich werden auch keine grausamen Kampfszenen gezeigt. Der Film will ja Unterstützung für die kurdischen Kämpfer gewinnen. Der bekannte Partisanen-Song „Bella Ciao“, der im Zweiten Weltkrieg in Italien entstand, unterstützt das Image der YPG als Kämpfer für die gute Sache; selbst wenn man als Deutscher den Text nicht versteht, ist die Intention des Liedes klar.

Wem nützt das? Auch wenn man den momentanen Kampf der YPG gegen den IS gutheißt, muss man bedenken, dass dieses Video auch langfristig das Image der kurdischen Kampf-Organisation hin zu einer Armee der guten Sache ändern will.

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Autorenteam:
Daniel Bröckerhoff (Hamburg. Fernseh- und Onlinejournalist, u.a. für das NDR-Medienmagazin ZAPP), Ivette Löcker (Berlin, Dokumentarfilmerin und Rechercheurin für Film- und Medienprojekte), Iris Roell (München, Journalistin und Buchautorin, langjährige Redakteurin im Medienressort des Nachrichtenmagazin FOCUS und beim Elternmagazin FOCUS Schule), Bernd Zywietz (Mainz, Filmwissenschaftler und Mediendramaturg am Institut für Film-, Theater- und empirische Kulturwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität).