Beispiel: „Ausländer in Deutschland – Die traurige Wahrheit“

Aufgerufen am 14.11.2014

1. Screenshot

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2. Wo wurde der Content verbreitet?

Youtube-Kanal „Kanal von XYZ“*: https://www.youtube.com/watch?v=n8XYZ* (20.182 Views, 16.11.2014).

Eine Google-Suche ergibt für diese URL 6 Verlinkungen.

Webvideo-Plattform TrutXYZ*: http://trutXYZ* (259 Views, 16.11.2014).

3. Inhaltsbeschreibung
Zwei nicht näher identifizierte junge Männer, die im Vorspann als „Nazis“ bezeichnet werden, sprechen abwechselnd direkt in die Kamera zu einem Mann namens „Alphajacke“, der vermutlich türkische Abstammung ist. Sie bezeichnen ihn und andere in Deutschland lebende Ausländer als „Volksverräter“ und „Schmutzfüße“, die zu feige seien, für ihr Land zu arbeiten oder zu kämpfen und fordern Deutsche auf, sie entweder zu ignorieren oder „das Übel an der Wurzel zu packen“ und sich der „Nationalen Bewegung“ anzuschließen. Sie bewegen sich dabei durch eine idyllische Naturlandschaft, die Heimatverbundenheit zum Ausdruck bringen soll.

4. Welche Emotion wird ausgelöst?
Je nach Einstellung des Zuschauers kann das Video entweder große Zustimmung oder starke Ablehnung hervorrufen, da es auf nationale Werte und Gefühle anspielt, die nicht von jedem geteilt werden. Bei Persönlichkeiten, die noch in ihrer politischen Haltung formbar sind, kann es dazu führen, sich für nationalistische Ansichten zu begeistern und die Meinung der Sprecher unreflektiert zu übernehmen, da sie eine Ideologie propagieren, die in sich geschlossen ist und keine Widersprüche zulässt.

5. Dominierendes Kommunikationselement
Klare und direkte Ansprache in die Kamera, untermalt von tragisch-heroischer Musik.

6. Zweck/Ziel
Das Video will in Deutschland lebende Ausländer diskreditieren und Deutsche dazu bringen, sich der „Nationalen Bewegung“ – einer autonomen, rechtsextremen Bewegung – anzuschließen und dort aktiv zu werden.

7. Detailanalyse

00:00 – 00:13
Ein Schriftzug „Nazis vs Alphajacke“ wird eingeblendet. Im Folgenden spricht ein junger Mann im braunen Shirt einen „Alphajacke“ direkt in die Kamera an. Es handelt sich demnach um eine sogenannten „Video-Antwort“ auf ein vorher veröffentlichtes Video von „Alphajacke“, wie sie in Webvideokreisen üblich ist.

„Alphajacke“ wird daraufhin vom zweiten Mann im roten Shirt als „halbes Schaf“ beleidigt. Er insinuiert, dass seine Mutter mit einem Schaf Geschlechtsverkehr gehabt habe und ihn dabei gezeugt habe. Ein persönlicher Angriff ohne sachlichen Hintergrund.

00:14 – 00:38
Die beiden jungen Männer reden nun abwechselnd in die Kamera, sprechen also quasi mit „einer Stimme“, um deutlich zu machen, dass sie mit dieser Meinung nicht allein sind.  „Alphajacke“ wird von den Sprechenden direkt als „Verräter“  an seinem Land und Volk bezeichnet, weil er es verlassen habe.

„Wer sein Land verlässt verliert seine Wurzeln, Kultur und Tradition. Du bist nicht mehr außer Konsument. Du bist dumm.“

Parallel dazu setzt ein orchestrales Chor-Stück mit einer tragischen Intonation ein. Dieses soll die Aussagen unterstreichen und ihnen eine dramatische Note verleihen.

00:38 – 00:59
Im Folgenden wechseln die Adressaten: Nicht mehr „Alphajacke“ wird angesprochen, die Männer sprechen nun von „ihr“, womit sie augenscheinlich alle in Deutschland lebenden Ausländer meinen. Sie werden nun als „Verlierer“ tituliert, die ihr vermeintlich fehlendes Selbstwertgefühl durch teure Konsumartikel aufwerten müssten.

Durch die bis hier getroffenen Aussagen wird deutlich gemacht, dass die Sprechenden von Ausländern bzw Migranten nichts halten. Sie machen Ihnen Vorwürfe, beleidigen sie und ihre Abstammung und stellen sich über sie, indem sie behaupten, Emigranten würden durch die Ausreise einen Verrat begehen und somit zu „Verlierer“ gehören. Sie werden als „Nazis“ bezeichnet und referieren auf rechtsextreme „Blut und Boden“-Ideologien, die das Wohl eines imaginären Volkes und seiner Heimat über die Bedürfnisse und Entscheidungen des Individuums stellen.

1:00 – 1:14
Die Musik stoppt. Der Sprecher im roten Shirt fragt rhetorisch nach den Gründen für Migration nach Deutschland. Im Folgenden geben er und der andere Sprecher verschiedene Gründe an. Zunächst wird Armutsmigration genannt, die jedoch als Auswanderungsgrund nicht akzeptiert wird:

„Dann verratet ihr eure Land schon wegen so etwas und lasst eure Brüder und Schwestern in der Heimat im Dreck leben. Während ihr euch hier teure Autos und teure Schuhe kauft?“

Der Sprecher im roten Shirt wird bei seiner rhetorischen Frage aus der Froschperspektive gefilmt, was eine überlegene Position verdeutlicht, da der Zuschauer kleiner ist als der Gefilmte. Der Sprecher im braunen Shirt geht während seiner Wertung durch eine idyllisch wirkende Naturlandschaft.  Dies soll – wie im gesamten Video – Heimatverbundenheit symbolisieren.

1:13 – 1:27
„Flucht vor Krieg“ wird als weiterer Grund für Emigration genannt, aber ebenfalls sofort diskreditiert:

„Dann lasst ihr eure Heimat in der größten Not im Stich und eure Volksgenossen sterben.“

Der andere Sprecher nimmt daraufhin die Wertung vor: „Könnt ihr überhaupt noch schlafen, ihr Verräter?“ Dabei schüttelt er den Kopf und lächelt abschätzig in die Kamera.

Die Musik beginnt wieder und dramatisiert die Szene zusätzlich.

1:26 – 1:59
Die Sprecher gehen auf Argumente einer nicht näher genannten Gegenseite ein (vermutlich „Alphajacke“), indem sie negieren, dass Ausländer Deutschland wieder aufgebaut hätten:

„Junge, das waren die deutschen Trümmerfrauen, Du Schmutzfuß.“

Das Schimpfwort „Schmutzfuß“ wird hier benutzt, um Ausländer pauschal zu diskriminieren: Sie hätten schmutzige Füße, seien also ungepflegt und unzivilisiert, im Gegensatz zu den Deutschen.

Im Folgenden wird Ausländern pauschal vorgeworfen, Deutschen Arbeitsplätze weg zu nehmen, woran „korrupte Politiker“ Schuld seien, die in den 1970er Jahren Ausländer ins Land geholt hätten, um so die Löhne in Deutschland zu drücken. Die Ausländer hätten in den Augen der Sprecher das vermeintliche Spiel entweder nicht verstanden oder freiwillig mitgemacht, denn sie subsummieren:

„Ihr seid nur Bauern im Schachspiel des Kapitalismus und der Hochfinanz.“ Seelenlose Konsumenten. Dumm und fett.“

Eine pauschale Diskriminierung von Migranten in Deutschland.

2:00 – 2:27
Die bekannte, aber nichtbelegte Behauptung „Ausländer nehmen uns die Arbeit weg“ wird in ebenso bekannter Weise fortgeführt, indem die Sprecher den Migranten vorwerfen, das deutsche Sozialsystem ausnutzen und Deutsche zu beschimpfen, obwohl sie „auf ihre eigene Heimat scheißen.“

„Du sagst, Du bist ein richtiger Türke, weil Du Döner und Fladenbrot frisst? Wir sind richtige Deutsche, weil wir eine 5000 Jahre alte Geschichte und Kultur haben.“

Es folgt eine Aufzählung von „richtigen Deutschen“ wie Schiller, Bismarck bis hin zu Hermann, dem Cherusker, ungeachtet dessen, dass die Idee einer deutschen Kulturnation bzw einer kulturellen Einheit der Deutschen erst Anfang des 19. Jahrhunderts aufkam. Sie wird hier unreflektiert übernommen und als Tatsache verbreitet.

2:28 – 3:05
Die Sprecher nehmen den zu Anfang gemachen Vorwurf des Volksverrates wieder auf, den sie mit der Idee einer kulturellen Indentität verknüpfen, die sie den in Deutschland lebenden Migranten absprechen:

„Du sagst, Du wärst ein richtiger Türke (…) Du hast keine Ahnung, wer Du bist und wo Du herkommst.“

Die Sprecher reden nun kampflustig und aggressiv in die Kamera und behaupten, dass „ein richtiger Türke“ bei den „Grauen Wölfen“ sei, ein „richtiger Iraker“ wäre im „irakischen Widerstand und bombt die Besatzer aus seiner Heimat“, ein „richtiger Palästinenser“ wäre „bei der Hamas und kämpft für die Freiheit seines Landes“, ein „richtiger Libanese“ wäre „in der Hisbolla und zeigt Israel, dass sein Volk sich nicht unterdrücken lässt“. Wer das nicht tue und stattdessen fliehe sei „feige“ und ein Verräter an Land, Heimat, Volk, Glauben, Kultur.

Hier wird das propagierte völkische Denken abermals deutlich, der hier mit dem Freiheitskampf verschiedener Völker in Verbindung gebracht wird. Der Verweis auf die genannten, extremistischen und terroristisch agierenden Organisationen zeigt, dass die Sprecher aus einer ebenfalls extremistischen Weltsicht heraus sprechen und vermutlich auch terroristische Aktionen zur Durchsetzung derselben in Kauf nehmen würden.

3:06 – 3:35
In versöhnlichem Ton geben die Sprecher „allen in Deutschland lebenden Ausländer einen Tipp“: Sie sollten sich in Deutschland gut ausbilden lassen und dann zurück in die Heimat gehen und diese aufbauen oder in den Krieg in ihrem Land ziehen und „diese Tyrannei“ beenden. Wer das nicht machen, sei kein „richtiger“ Türke, Marrokaner oder „Jugo“ (eine Verballhornung für Jugoslawen – obwohl das Land nicht mehr existiert).

3:36 – 3:46
Die Sprecher raten allen Deutschen, die abermals als „Schmutzfüße“ bezeichneten Migranten nicht so ernst zu nehmen, sie zu belächeln oder auszulachen: „Das sind nur ganz kleine Lichter. Vaterlandslose Gesellen, die ihre Heimat verraten haben.“

Migranten werden so erneut diminuiert und diskriminiert. Die Botschaft wird – typisch für Propagandavideos – nochmal und nochmal wiederholt, damit sie beim Zuschauer hängen bleibt.

3:46 – 4:06
Das Video endet mit dem Aufruf an Deutsche, aktiv zu werden, gegen Ausländer vorzugehen, wenn sie „stören“ würden, dem „System“ zu zeigen, was man von ihm hält und sich der „Nationalen Bewegung“ anzuschließen und diese zu unterstützen. Die Botschaft schließt mit den Worten, die beide Sprecher gemeinsam im Chor sagen:

„Nichts für uns. Alles für’s Vaterland.“

Die Schlußworte wirken sehr entschlossen und geschlossen auf den Zuschauer. Die Sprecher wollen durch den Inhalt der Worte und die Art sie vorzutragen zeigen, dass die (völkische) Gemeinschaft in ihrer Ideologie im Vordergrund steht und das Individuum nicht so wichtig ist.

Gerade für junge Menschen, die in einer eher ideologiefreien Welt auf der Suche nach Identität und Gemeinschaft sind, können diese Botschaften sehr verlockend und überzeugend wirken.

8. Glaubwürdigkeit und technische Umsetzung
Das Video ist semi-professionell gefilmt und geschnitten. Die bewusst gewählten Kameraeinstellungen, die klar formulierten Worte und die stringente Argumentation zeigen jedoch einen hohen Grad an Professionalität und Vorbereitung auf dieses Video, was zu einer erhöhte Glaubwürdigkeit mit beiträgt.

9. Vermutliche Quellen
Als Quelle für das Video wird während der gesamten Laufzeit die URL www.XYZ* eingeblendet. Die Seite ist derzeit nicht abrufbar. Die URL weist darauf hin, dass auf der Seite völkisches Propagandamaterial abrufbar war.

10. Resonanz
Die Resonanz ist eher bescheiden, das Video wurde nicht viral verbreitet und nur auf zwei Videoplattformen hochgeladen.

11. Urheber
Die Urheber sind eindeutig der autonomen „Nationalen Bewegung“ zuzuordnen, die in losen Gruppen organisiert ist und völkisches Denken und nationalsozialistische Ideen propagiert.

12. Zusammenfassung

Sieh zweimal hin:

Auf den ersten Blick wirkt der Film wie ein ausländerfeindliches Video, das aber außer den üblichen Beschimpfungen relativ harmlos daher kommt.

Bei genauerem Hinschauen wird klar, das hier ein neo-nationalsozialistisches Weltbild propagiert wird, in dem das Individuum weniger zählt als die Gemeinschaft. Wer aufmuckt und selber denkt, wird dafür niedergemacht und als „Verräter“ verfolgt. Um diese Ziel zu erreichen sind Krieg und Terror legitime Mittel.

Hass-Propaganda: Das Video ist klare Hass-Propaganda – gegen Ausländer, die nach Deutschland gekommen sind, um hier zu arbeiten oder Schutz vor Krieg und Verfolgung zu suchen. Und gegen alle, die nicht völkisch denken und handeln.

Wem nützt das? Völkischen und neo-nationalsozialistischen Gruppierungen wie dem autonomen „Nationalen Widerstand“, die ein autoritäres System etablieren wollen, in denen Andersdenkende unterdrückt werden.

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Autorenteam:
Daniel Bröckerhoff (Hamburg. Fernseh- und Onlinejournalist, u.a. für das NDR-Medienmagazin ZAPP), Ivette Löcker (Berlin, Dokumentarfilmerin und Rechercheurin für Film- und Medienprojekte), Iris Roell (München, Journalistin und Buchautorin, langjährige Redakteurin im Medienressort des Nachrichtenmagazin FOCUS und beim Elternmagazin FOCUS Schule), Bernd Zywietz (Mainz, Filmwissenschaftler und Mediendramaturg am Institut für Film-, Theater- und empirische Kulturwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität).